Herzflüstereien – Daniela Hofbauer

Der Weg zu Deinem eigenen Leben

Januar 2020.

Die Nachricht von ihrem Tod am ersten Arbeitstag dieses Jahres hat mich tief erschüttert. Es war kein gewöhnlicher Tod. Sie hat sich entschieden, im Feuer auszulöschen, was sie im Schmerz eines Lebens gefangen hielt, das nicht ihr eigenes war. Sie wollte frei sein. Eins mit dem, wonach sie sich am meisten gesehnt hat. Mit ihrer ursprünglichen reinen Natur. Verbunden. Wie ein klarer Gebirgsbach, der sich dem Leben und seiner Bestimmung einfach hingibt und fröhlich plätschernd und unbeschwert über Wiesen und Felder hüpft.

Ein Geschenk an mich zum Abschied aus einer anderen Welt …
Zu der Elfe übrigens gibt es eine eigene ganz zauberhafte Geschichte. Davon aber ein anderes Mal mehr.

Ich hatte geglaubt, sie retten zu können. Weil ich sie so sehr verstand. Sie fühlte. Ich fühlte sie so sehr, dass meine alten Wunden wieder zu eitern anfingen. Fieser zäher Schleim aus alten Geschichten vernebelten meinen Verstand und verstopften mein Herz. Das Dilemma, aus dem sie nicht herauskam.
Ihr Herz, das nach Freiheit und Selbstbestimmung rief. Ihr Kopf, der verlangte, das artige und angepasste Mädchen zu sein.
Den Stimmen der anderen folgend, die scheinbar von allen Seiten auf dich einrufen. In Wahrheit feiern sie nur in unserem eigenen Kopf Party.

Diese Stimmen – da tauchen genau die Mädels aus unserer Klasse auf, die sich gerne und bereitwillig von allen bewundern ließen. Die immer nur das gemacht haben, was sie wollten. Die hübscher, intelligenter und reicher waren als wir anderen. Und die noch dazu das Selbstvertrauen hatten, mit diesen ganzen Lebensutensilien schön verpackt in eine Louis-Vuitton-Tasche vor uns anderen her zu laufen und uns großzügig ab und zu mal ein Bonbon rüberwarfen.

Dankbar für die Aufmerksamkeit und das Gefühl, vielleicht ja doch ein klitzekleines bisschen dazu zu gehören, warfen wir uns vor ihnen auf den Boden, um das Zuckerl aufzuheben. Während wir noch damit beschäftigt waren, den Dreck von den Knie zu wischen, tanzten sie selbst mit ihren anderen hübscheren und reicheren Freundinnen schon längst auf der nächsten Party.

Und du stehst vor der Fensterscheibe, die Nase platt gedrückt, mit kalten Füßen in den viel zu engen Schuhen. Und hoffst, dass doch irgendwann ein Blick nach draußen fiele, dich in der Dunkelheit zu erkennen. Dich einzuladen ins Licht und den anderen zu sagen: “Schaut her, ich habe hier jemand Besonderen entdeckt. Sie gehört in Wahrheit zu uns. Lasst sie uns willkommen heißen in unserer Mitte und gemeinsam feiern.”

Vom Seufzen und Warten müde, deine Stimme vom Nachthimmel verschluckt, drehst du dich langsam um und gehst wieder zurück. In dein eigenes Leben, in dem du deinen Platz noch nicht so richtig gefunden hast. Das Licht hinter der Fensterscheibe mit den tanzenden und lachenden Menschen wird kleiner, bis es nur noch ein kleiner Punkt auf deiner Netzhaut ist. Ein kleiner heller Punkt, der wie ein Laserstrahl die Wunde in deinem Herzen tiefer werden lässt.

Du hast lange nicht verstanden, dass diese Wunde schon immer da war. Das Licht und die tanzenden Mädchen waren nur dazu bestimmt, sie für dich sichtbar zu machen, damit Du verstehst. Und sie spürst.
Wieviel Zeit hast du damit verbracht, Bonbons von der Straße aufzuheben? Hinter der Fensterscheibe zu stehen und zu hoffen, dass dich irgendjemandem hinein bittet?
Wie lange wartest du schon, dass jemand dich sieht? In deiner ganz eigenen Schönheit, deinem inneren Reichtum im Schein des Lichts badend, das aus deinem Herzen strömen möchte?

Vielleicht läufst du schon lange nicht mehr durch die Straßen auf der Suche nach dem Licht hinter der Scheibe. Nach zu fröhlicher Musik tanzenden Mädchen. Vielleicht hast du dich damit abgefunden, dass es bei dir zuhause eben dunkler ist. Stiller. Du hast gelernt, wie du hinter dir die Tür zuschließen kannst und in deiner eigenen Welt den Frieden findest. Allein und zuhause in dir.
Wirklich?

Doch eines Tages streift wie ein Windhauch diese alt bekannte, längst vergessen geglaubte Melodie dein Ohr. Etwas in dir beginnt zu zittern. Wie eine Fata Morgana in der Wüste taucht das hell erleuchtete Fenster vor dir auf. Unausweichlich. Größer werdend. Es will, dass du hinein schaust. Etwas presst dich gegen die Fensterscheibe. Es raubt dir den Atem und mit aller Gewalt wirst du schier in das Glas hinein gepresst. Du hast Angst. Der Druck wird unerträglich. Deine Seele schreit dich an. Sie reißt an deiner Hülle. Verzeifelt. Ihr Innerstes will zerspringen dabei und kann dich doch nicht verlassen.

“Lass los den Scheiß.” “Reiß dir endlich die alten grauen Klamotten vom Leib, die sich wie giftige Plastikfolie in deine Haut hineingebrannt haben. Durch die Hitze deines inneren Kampfes verschmolzen zu einer Haut, die nicht deine ist.” “Reiß sie endlich runter. Lass es zu, dass sie dich in deiner Nacktheit sehen. In dem, was du in Wahrheit bist.”

Göttlichkeit. Reinheit. Makellose unperfekte Einzigartigkeit.

Plötzlich wird es dunkel um dich herum. Du weißt nicht, was passiert. Das Fenster ist verschwunden. Die Musik verstummt.
Was geschieht? War es das jetzt? Bin ich jetzt endgültig allein? Ist jetzt das geschehen, worauf ich mich schon so lange verbreitet habe?

Vergessen und verlassen.
Nun werden auch die Fensterläden langsam geschlossen werden, bis der Lichtschein, der durch die Lamellen dringt, langsam aber sicher erlischt. Und bis der letzte Ton, der eben noch die Nervenzellen Deiner Ohrmuschel gekitzelt hat, endgültig verklungen ist.

Stille. Nichts. Nackt. Nur Du.
Du bleibst dort. Es gibt jetzt nichts mehr zu tun. Nichts, was Dein Verstand noch erfassen könnte.
Du wartest. Irgendwann beginnst Du, in die Stille hinein zu lauschen. Zu fühlen.
Wie lange kann man im Nichts bleiben? Was passiert, wenn ich nicht zurück komme? Was, wenn ich mich darin verliere? Wird mich jemand suchen? Würde man mich finden?

Mit der Zeit beginnen Deine Augen, sich an die Dunkelheit zu gewöhnen. Sich sicher zu fühlen.
Du spürst, wie Deine Wunden zu heilen beginnen. Langsam aber aus der Tiefe heraus. Du hast die Pflaster abgerissen, damit die Tränen darin endlich trocknen. Der Eiter aus Wut und Hass versiegen kann. Jeden Tag ein bisschen mehr. Und jeden Tag mehr wächst Dein Wunsch, wieder nach draußen zu gehen. Aus dem Schatten der Höhle, in der Du lange genug Dich selbst erfahren und Dir selbst genug sein durftest.

Du willst es wieder teilen mit der Welt – das pure und echte Du. Das nichts braucht, um echt zu sein. Um geliebt zu werden. Um froh zu sein. Das im Angesicht der Wahrheit nichts mehr zu verbergen hat. Das Du, das keine Designertaschen braucht, um darin die Bonbons für andere aufzubewahren. Das keine Bewunderung braucht, um zu leuchten.

Du wartest. Voller Vertrauen, dass der Moment für dich kommt.

Eines Nachts spürst Du etwas Helles. Zuerst nur wie das Aufflackern eines Streichholzes, dass blitzschnell wieder von der Nacht verschluckt wird.
Aber es gibt nicht auf. Es ist Zeit. Zeit zu leuchten. Zeit, den Raum in dir zu nähren. Zu füttern. Dir das zu nehmen, was schon immer zu dir gehörte.
Und dann ist es da! Entzündet aus Deinem Glauben. Dem unbewussten Wissen tief in Dir, dass deine Welt nicht die ist, die du hinter der Fensterscheibe so lange beobachtet hast. Geboren aus der Dankbarkeit, dass jedes Staubkorn auf den zerschundenen Knien dir eine Geschichte erzählt hat. Die Geschichte, dass du dort – tief in der Höhle – Dein eigenes Licht finden würdest.
Deinen eigenen Tanz tanzen. Und dein eigenes Lied spielen.

Und plötzlich stehst du noch einmal vor dieser Fensterscheibe. Du hörst die Musik und siehst die tanzenden Mädchen.
Aber dieses Mal bist du wach. Klar. Neu geboren. Du schaust dich um. Und siehst, dass die Tür neben der Fensterscheibe weit geöffnet ist. An der Schwelle steht jemand und winkt Dir zu.

“Komm doch rein.” Er lächelt.
Du lächelst zurück. Und sendest Dein Licht zum Gruß. Dann drehst du dich um und gehst voller Dankbarkeit lachend über die Tür, die schon immer da war, dort hin, wo deine eigene Melodie schon auf dich wartet.

Dann sehe ich sie. Sie spricht mit mir. Ich sehe das Leuchten in ihren Augen. Und das Licht in ihrem Herz.
Ich spüre ihren Frieden und die Freude. Dort wo sie jetzt ist. Was sie jetzt ist. Der klare Bergbach. Fließen. Natürlichkeit. In Einklang mit dem Herzen der Welt.
Sie wischt mir sanft die letzte Träne meines Bedauerns von der Wange und wispert mir zu.

“Ich bin hier. Du bist hier. Folge dem, was Du nicht siehst. Beginne die Dunkelheit zu lieben. Fließe mit der Stimme Deines Herzens wie dieser klare Gebirgsbach, der keinen Ursprung und kein Ende hat. Der einfach ist, was er ist. Wir sind alle verbunden. Meine Schmerzen heilen Deine Wunden. Deine Schmerzen heilen andere Wunden. Und so geht es weiter. So hat alles seinen Sinn. Lebe und liebe. Mehr gibt es nicht zu tun.”

Und dann ist es still. Und in der Stille erklingt die Musik des Lebens.

Danke A. 💗

4 Kommentare

  1. Liebe Daniela, wow - so schön, vielen Dank. Ich erkenne mich wieder in diesen Zeilen. Sie beschreiben mein bisheriges Leben und auch den Lichtfunken den ich jetzt erst entdeckte. Danke 🙏

    1. Danke liebe Angelika, ich freue mich vor allem über den Lichtfunken und dass Du ihn jetzt entdeckst. Das ist das Ziel, dem wir folgen dürfen und das Alte hinter uns lassen 💗 Alles Liebe für Dich!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.